Stille vertreibt die Angst

Wonach sehnen wir uns eigentlich, wenn wir uns nach Stille sehnen?

 

Der Regisseur des Film „Die große Stille“, Philip Gröning, 47, hat ein halbes Jahr im Schweigekloster gelebt und seine Antwort gefunden

 

BRIGITTE WOMAN: Herr Gröning, wie hat sich die „große Stille" angefühlt? Gewöhnt man sich daran, nach Tagen, Wochen - oder haben Sie Ihr „normales" Leben vermisst?

 

PHILIP GRÖNING: Es war ein allmähliches Hineinwachsen, in Stufen. Anfangs bin ich ziemlich oft traurig gewesen, als Fragen hochkamen: Wie gehe ich um mit meinem Leben, was habe ich versäumt oder eventuell falsch gemacht? Diese Fragen umgehen wir ja sonst, indem wir uns mit Handy, Computer, Film und Fernsehen, Musik und so weiter beschäftigen. Ohne all die Ablenkungen sinkt man regelrecht ein. Und dann passierte eines Tages etwas Tolles: Das ganze Denken hörte auf, es fiel einfach weg.

 

Und was kam stattdessen? Ehrlich gesagt, kann ich mir das nicht richtig vorstellen...

 

Nachdenken, Pläne schmieden, Fragen stellen, das alles ist für uns Menschen ja an Begriffe, Wörter, an Sprache gebunden; fällt die in unserer Umgebung völlig weg, entfallen tatsächlich irgendwann auch die Gedanken. In uns entsteht eine Art leere Fläche, und was darauf erscheint, bekommt eine tiefere Bedeutung: der Ruf eines Vogels, der Froschchor morgens, der Blick aus dem Fenster im Wechsel der Jahreszeiten, eine Tasse dampfender Tee, das Lächeln eines anderen.

 

Stille weckt und schärft also alle Sinne?

 

Ja, genau. Und die Dinge selbst bekommen eine leuchtende Aura, werden fast zu einer Art Gegenüber. Das Licht, das auf den Tisch fällt, fängt an, eine Präsenz zu entwickeln, die einem sonst entgeht. Für mich als Filmemacher waren das Glücksmomente: weil ich nun Bilder sah, die ich zuvor niemals wahrgenommen hätte. Und ich spürte dabei: Alles, was ich hier sehe, sei es das Licht oder ein Trinkglas, existiert mit mir, mit uns, jetzt am Anfang des 21. Jahrhunderts. In solchen Momenten fühlte ich mich aufgehoben in der Welt, empfand ein fast kindliches Geborgenheitsgefühl.

 

Muss man für ein solches Empfinden nicht sehr strenggläubig sein, so wie die Karthäusermönche?

 

Nein, auch ich habe sicher einen anderen Gottesbegriff als die Mönche. Doch die Idee, die hinter dem Leben im Schweigekloster steht, verstehe ich. Die kontemplativen Orden rechtfertigen sich ja nicht durch soziale Dienste oder Arbeit, sondern sie wollen in innerer und äußerer Stille die Nähe zu Gott suchen und finden. Dieser Grundgedanke gehört zu den Wurzeln unserer christlichen Kultur, aller Kulturen, oft seit Jahrtausenden. Nur wir, heute, die wir unentwegt kommunizieren, haben das fast vergessen.

 

Aber es funktioniert noch?

 

Zumindest war das meine Erfahrung. Im immer gleichen Ablauf der Tage verlor die Zeit ihr Gewicht, ich fragte nicht mehr: Und morgen? Ich glaube, wenn man sich von allem leer macht, entsteht ein Raum, in dem es gar nicht ausbleiben kann, dass das erscheint, was hinter der Welt liegt. Eine Art göttliche Energie. Man akzeptiert dann leichter, dass es Fragen gibt, die wir nicht beantworten können. Zugleich kommt das schöne Gefühl einer umfassenden Richtigkeit dessen, was geschieht. Das vertreibt alle Ängste, die uns sonst belasten.

 

Auch die Angst vor Krankheit oder Arbeitslosigkeit?

 

Die auch. Und sogar die tieferen, im Unterbewussten verborgenen Ängste, die in unserer westlichen Welt weit verbreitet sind. Wir leben ja hier mit vielen vermeintlichen Freiheiten, unser Leben von Anfang bis Ende planen, gestalten und dabei auch noch glücklich werden zu müssen. Das sind oft überfordernde Freiheiten, die diese Ängste erzeugen. Die Mönche leben in der Stille, im natürlichen Ablauf der Zeit, sie stellen nichts daran in Frage. Das ergibt eine andere Form der Freiheit, eine ganz ohne Angst - und die spürt man auch im Film.

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Stille zum Anschauen:

Die DVD von Philip Grönings Films „Die große Stille" gibt es jetzt bei Warner Home Video für 19,90 Euro. Termine von Kinovorführungen unter: www.die-grosse-stille.de

„Donata. Islands of Silence. The Photography of Donata Wenders". Englisch/Deutsch. Mit einem Vorwort von Siri Hustvedt. Prestel Verlag, 128 Seiten, 49,95 Euro

BRIGITTE WOMAN