Droge Handy

 

Psychologen schlagen Alarm: Immer mehr Handynutzer zeigen Suchtsymptome. Verlieren wir die Kontrolle über das mobile Leben?

 

 

Sie kriegen die Panik, wenn der Handyakku leer ist. Sie sitzen im selben Zimmer und schreiben einander Textnachrichten, sie spielen die halbe Nacht SMS-Spiele, sie träumen von Klingeltönen. Verbraucherstudien zeigen: Der drittgrößte Taschengeld-Batzen der Zwölf- bis 18-lährigen geht heute für das Handy drauf  gleich hinter Kleidung und Schuhen und weit vor Kosmetik, Fast Food oder Sportartikeln.

Nicht nur Kinder und Jugendliche, auch Erwachsene sind dem Mobiltelefon verfallen. Einer neuen Umfrage aus den USA zufolge kann ein knappes Drittel der Handybesitzer nicht mehr »ohne« leben. Mehr als die Hälfte lässt das Gerät immer eingeschaltet Teilnehmer einer aktuellen Studie der Uni Brisbane (Australien) fühlten sich ohne Handy gar, »als würde eines meiner Glieder fehlen«. Studienautorin Diana Lames warnt vor finanziellen Problemen, kaputten Beziehungen und sogar Rechtschreibschwächen. In Südkorea, wo praktisch jeder ein Mobiltelefon besitzt, hat eine Studie bereits 2003 eindeutige Suchtsymptome bei Handynutzern festgestellt. Der Kommunikationsforscher Woong Ki Park von der Soongsil-Universität in Seoul stieß auf Angstzustände und Reizbarkeit bei Menschen, die vorübergehend auf ihr Handy verzichten mussten. »Wenn das Mobiltelefon in das Leben der Menschen eingreift und Probleme schafft«, folgerte der Wissenschaftler, »dann müssen wir das ernst nehmen und als Sucht betrachten

Kann das Handy tatsächlich süchtig machen - wie Alkohol oder Zigaretten? Psychologen sprechen lieber von »Medienabhängigkeit«. Noch bereiten Computerspiele und Chaträume im Netz die größten Probleme. Doch seit dem vergangenen Jahr häufen sich die Fälle von Handypatienten, beobachten Psychologen. »Schlagartig kamen Kinder mit Handyproblemen in die Therapie«, berichtet Diplompsychologin Simone Trautxh, die bis Ende 2005 medienabhängige Kinder im Sucht-Rehabilitationszentrum Boltenhagen an der Ostsee betreut hat: »Vorher war das kein Thema. « Werner Platz, Leiter der psychiatrischen Ambulanz des Berliner Vivantes Humboldt-Klinikums und Spezialist für Onlinesucht, betreut neuerdings auch zwei Patienten mit einem ungesunden Verhältnis zum Handy - in den Jahren davor keinen Einzigen. »Die Dunkelziffer ist viel höher«, vermutet Platz.

Bislang ist das Handy eine junge Droge. Platz` Patienten sind im Durchschnitt zwischen 20 und 30 Jahre alt. Simone Trautxh kennt die typischen Symptome: »Die Kinder verlieren die Kontrolle und sind in Gedanken nur noch beim Handy« Sie verschlechtern sich plötzlich rapide in der Schule, verlieren das Interesse an ihren Hobbys, und fast alle ihre »wirklichen« Freundschaften schlafen ein - und das bei einem Gerät, das doch eigentlich der Kommunikation dienen soll.

Wie bei Alkohol, Zigaretten oder Spielautomaten sehleicht sich die Sucht an, aus Genuss und Entspannung wird ein Ritual mit steigen-

der Dosis, eine Flucht, die immer länger andauert. Je mehr Funktionen, je aktueller der Klingelton und je exklusiver der Bildschirmhintergrund, desto besser das Standing in der eigenen Clique. Klingelton-Anbieter werben offen mit dem Statusargument - und setzen die Kinder damit womöglich unter Geltungsdruck.

Erwachsene machen sich ganz anders vom Handy abhängig. Aus Angst um den Job lassen sie es ständig eingeschaltet zu Hause, im Urlaub oder im Krankenhaus. Trendforscher sprechen von der »Always-on-Generation«.

Tipps für den richtigen Umgang mit dem Handy

 

1.     Seien Sie bewusst eine Zeit lang nicht erreichbar. Schalten Sie das Handy ab, setzen Sie sich eine halbe Stunde unter einen Baum, und lassen Sie die Gedanken schweifen

2.     Geben Sie der »echten« Welt den Vorzug: Gehen Sie ohne Handy in die Besprechung, verzichten Sie auf SMS im Seminar. Das fördert die Konzentration.

3.     Überlegen Sie, ob wirklich jede SMS nötig ist Müssen Sie wirklich die Nachricht »Komme drei Minuten später« mit »Ist gut, ich warte sowieso« beantworten?

4.     Setzen Sie sich ein Geldlimit. Eine bestimmte monatliche Summe für Gespräche, eine Höchstzahl SMS. Zwingen Sie sich zum guten alten »Fasse dich kurz«.

5.     Seien Sie Ihren Kindern ein Vorbild: Unterbrechen Sie nie ein Gespräch, das Mittagessen oder die Hausaufgabenbetreuung wegen einer SMS.

 

 

Doch das Handy ist weit mehr als bloß ein kleiner elektronischer Terrorist, mit dem die Arbeitswelt jederzeit ins heimische Wohnzimmer einbrechen kann. Jane Vincent von der Universität Sussex hat eine hohe emotionale Bindung zwischen Mensch und Mobiltelefon festgestellt. Gespeicherte Rufnummern verbinden wir mit dramatischen Gesprächen, Textnachrichten erinnern an zärtliches Geplänkel. Wir umklammern das Handy bei schlechten Nachrichten, wir streicheln das Display, wenn darauf ein Foto der Liebsten erscheint. Ein Nachtschwärmer gestand Vincent sein Dilemma: Das Handy müsse stets bei ihm sein, aber »ich nehme es nicht mit in den Club, weil es ganz schrecklich wäre, wenn ich's verlieren würde«.

Kritisch wird es, wenn Menschen all ihre Kontakte auf das Mobiltelefon verlagern und keinen Rückweg in die Wirklichkeit mehr finden. Dokumentiert sind Fälle, in denen Patienten reale Verabredungen aus einem SMS-Flirtservice immer wieder fünf Minuten vor dem Treffen absagten - wiederum per SMS.

Weil man heute nicht mehr um Handy und Internet herumkommt, ergibt sich für die Therapie medienabhängiger Patienten ein Problem: »Sie können nicht auf völligen Verzicht hinarbeiten wie etwa beim Alkohol«, erklärt Psychiater Platz. »Verringerung ist das Ziel - und souveräner Umgang mit dem Gerät Platz schließt mit seinen Patienten Abkommen, jede Woche weniger Zeit mit dem Handy zu verbringen.

Gerade erlebt die »dritte Handygeneration« ihren Durchbruch. Mobiltelefon und Internet verschmelzen bald zu einem Medium. Schon heute kann man seine E-Mails über das Handy abrufen. Psychologen bereitet diese Aussicht Kopfschmerzen. Werner Platz rechnet mit einem starken Anstieg der Patientenzahlen: »1e mehr die Geräte können, desto größer ist das Suchtpotenzial

Doch das mobile Internet bietet auch neue Chancen für unser Zusammenleben: Sp können wir mit dem Handy binnen Minuten Leute kennen lernen, die unsere Interessen teilen - im eigenen Viertel oder weltweit. Wir können Fotos ins Web stellen, um sie Freunden zu zeigen. Oder wir betreiben einen »Moblog«, also eine Art mobiles Online-Tagebuch. In Zukunft dient das Mobiltelefon als Stadtplan und Kontaktbörse, als Fernbedienung und Kreditkarte. Dann allerdings können wir wirklich nicht mehr ohne.

7/2006 PM. 77

* Dieser Artigel wurde aus der PM entnommen und wird ausschließlich für die Beratung unserer Schüler und Eltern verwendet.