Solange es Spaß macht....
Mein Kollege, der für
den Jahresbericht zuständig ist, bat mich etwas für die diesjährige Ausgabe zu
schreiben. Als ich kurz darauf im Unterricht einen Schüler der fünften Klasse
fragte, warum er seinen Hefteintrag nicht gemacht habe, antwortete er sonnig,
er hätte keine Lust gehabt. Ich stelle mir dabei die Frage, ob ich meinem
Kollegen wegen des Artikels für den Jahresbericht auch sagen sollte, ich hätte
keine Lust. Und ich habe wirklich überhaupt keine.
Nachdem dieses Prinzip
der Lust immer mehr das gesellschaftliche und auch erzieherische Leben
beherrscht, kam es mir in den Sinn, mir einige Gedanke darüber zu machen.
Wie werden heutzutage
allgemeine Werte vermittelt? Was sieht man jeden Tag und jede Stunde
wiederholt? Was liest man immer wieder, was schleicht sich konsequent und
unmissverständlich in unser Gehirn ein? Es ist hauptsächlich die Mediendiktatur
mit ihren eigenen Werten. Und worum geht es da? Um Sensationslust, um das
Projizieren unserer Wünsche und Träume auf das Leben der Promis, deren Glück
und Tragödien, um die Identifikation unserer Probleme mit denen von Gästen der
Talkshows oder unserem Selbsterhaltungstrieb, dessen Ängste und Aggressionen
genährt werden von den Bildern der Kriegstoten, die täglich zur besten
Sendezeit in angemessener Zahl und Bildqualität über die Bildschirme flimmern.
Täglich wird uns als
Ausgleich zu all diesen unangenehmen, ja sogar teilweise anstrengenden Aspekten
des Lebens das erste Gebot unserer Gesellschaft gepredigt: die Pflicht, Spaß zu
haben! Man nimmt eine Packung aus dem Regal - wobei schon in der Anleitung
steht, dass es Spaß machen wird -, wärme das Ganze in der Mikrowelle auf und
siehe da, welch ein Spaß, es schmeckt! Was war drin? Egal, es hat Spaß gemacht.
Der Leistungssportler antwortet auf die Frage des Reporters, wie es wohl zu
diesen besonderen Leistungen gekommen sei, mit seinem von Kaugummi geprägtem
Lächeln: "Es hat Spaß gemacht!" Dabei bemüht er sich, die Plakette
mit den Zeichen seiner Sponsoren richtig in die Kamera zu halten. Hat er
vergessen, wie es beim täglichen Waldlauf war, als er am Rande der
Verzweiflung seinen Trainer, der ihn gnadenlos angetrieben hat, verfluchte?
Was macht am Spaß so
viel Spaß? Was verspricht uns die Spaßkultur? Schön sein, indem geliftet wird
und die Schönheitsmittel aus der Tube kommen, abnehmen ohne zu laufen oder auf
das Essen zu verzichten, Erfolg zu haben ohne sich anzustrengen, denn
irgendjemand macht den Weg frei?
Wie geht das? Natürlich
muss die neue Spaßmoral gefestigt werden. Und das wird uns in der Werbung so
oft vorgelebt, bis jedes altmodische Unbehagen verschwindet: Dem Gast, der mit
einer guten Flasche vor der Tür steht, wird diese aus der Hand genommen und die
Tür vor der Nase zugeschlagen; das Glas mit dem guten Dressing wird
verschwiegen, bis der Mitbewohner den Raum verlässt, damit man den Salat
anschließend selber genießen kann, ohne teilen zu müssen. Ihnen fallen sicher
noch mehr Beispiele ein.
Was lernt daraus der
wissbegierige Pubertierende, der sein tägliches Ritual des Screen-Kultes schon
gleich nach dem Schulende beginnt? Alte Werte wie Anstrengung,
Pflichterfüllung, Ausdauer, Fleiß, Ehrlichkeit, großzügig mit anderen teilen,
Hilfe leisten usw. . . . . . alles Fehlanzeige. Das
ist mit dem ausgewiesenen Spaß nicht zu vereinbaren. Wozu dann Schule,
Ausbildung, Eigenverantwortung, soziales Engagement, all diese verstaubten
Gedanken aus der ersten Tageshälfte? Was ist denn richtig und vernünftig?
Etwa das, was die
sagen, die den Spaß verbieten wollen? Sehen die denn gar nicht fern? In was für
einer Traumwelt leben die denn?
Die Eltern haben in
Wirklichkeit doch auch schon lange aufgegeben und ihre Ansprüche wie das
Mithelfen im Haushalt, Müllrausbringen, Lernen für gute Noten sind längst leere
Floskeln geworden. Wenigstens die sind vernünftig und haben resigniert.
Mittlerweile kapieren
es auch einige fortschrittliche Lehrer, die nicht mehr unnötig Zeit verlieren
mit Fragen wie: Wer hat seine Hausaufgaben nicht gemacht oder wer hat sein Buch
nicht dabei?
Gibt es für diese
Vorgänge eine wissenschaftliche Erklärung, eine Spaßformel?
Dieser Frage bin ich
nachgegangen und habe tatsächlich einige Theorien gefunden.
Naturwissenschaftlich
lässt sich die Spaßformel begründen mit der Relativitätstheorie und so gesehen
ist sie allgemein gültig, also e=mc2.
Dazu gibt es
verschiedene Variationen:
e=mc2 wie € = Mutti x
Christian2, wobei Christian Muttis neuer Freund ist und beide mit sich
zurzeit so sehr in der Ergründungsphase ihrer neuen Beziehung beschäftigt sind,
dass sie die Kommunikationsbahnen nicht zu sehr mit anderen Schaltungen ihres
Familiensystems überkreuzen möchten.
e=mc2 wie Energie =
Mathe x Chemie2, wobei hier der Spaß nur dann erreichbar ist, wenn das
Ergebnis der Gleichung 0 wird!
e=mc2 wie Eltern = Mut
x Charme2, wobei in einigen Ausnahmefällen diese Formel dazu führen kann, dass
man sich nicht nur ausschließlich mit seinen Kindern über Mails oder Telefon
verständigt.
Wenn die Spaßkultur so
erfolgreich ist - man kann am Bildschirm Fußball genial spielen, obwohl
man in der Wirklichkeit weder einen Ball fangen noch eine Runde am
Sportplatz schon wegen des Übergewichtes laufen kann - warum sollten wir ihr
nicht trauen? Warum stellen sich ihr sogenannte kluge Köpfe entgegen und fordern
von den Jugendlichen so lästige Dinge wie mehr lesen, hilfsbereit sein, nicht
rumhängen, nachdenken, kritisch, sogar selbstkritisch sein usw.?
Der erste Grund ist,
dass dieses Lustprinzip auf Profit basiert und nur solange funktioniert,
solange vorhandenes Geld zu seiner Anschaffung zu Verfügung steht. Noch hat
unsere Wohlstandsgesellschaft genügend Geld, um Lust zu kaufen: Fastfood,
Tiefgefrorenes, den Partner über die Vermittlungsgesellschaft im Netz, den MP3
– Player als Schmuck um den Hals und vieles mehr.
Der Nachteil ist, dass
die Mitglieder dieser Gesellschaft dabei lernen, dass sie sich nicht mehr
anstrengen müssen. Es scheint nicht mehr nötig zu sein, dass gut ausgebildete
junge Leute Leistung, Innovationen, Kultur allgemein, wirtschaftliche Erneuerungen
oder Ähnliches zu Stande bringen. Wichtig ist, den Spaß zu sehen, zu kaufen und
zu haben, auch wenn er manchmal in seinem Überfluss sogar lästig ist.
Was aber mit einer
Generation, der auf Dauer das Geld ausgeht und den Spaß nicht mehr kaufen kann?
Sie wird wahrscheinlich
erst einmal traurig, sehr, sehr traurig. Denn das, was sie jetzt lernen muss,
ist, sich anzustrengen, d.h. selber Zutaten zum Kochen zu beschaffen,
auszugehen um eine Freundin zu finden statt mir ihr im Chatraum zu flirten oder
selber Fußball zu spielen - wie grauenhaft!
Gibt es also für mich
einen brauchbaren Grund für den Jahresbericht einen Artikel zu schreiben,
obwohl ich keine Lust habe? Wahrscheinlich genau so wenig wie für meinen
Fünftklässler, seinen Hefteintrag zu machen.
Und warum habe ich ihn
trotzdem geschrieben? Vielleicht weil mein Kollege, der den Jahresbericht
zusammenfasst, ein netter Mensch ist, den ich nicht enttäuschen möchte. Er hat
nämlich auch keine Lust, den Jahresbericht wieder zu machen.
S. Marx
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