Special: Musik
Welchen Nutzen haben Menschen von der Musik? Macht sie klüger, hilft sie
Kindern beim Spracherwerb? Forscher versuchen der Bedeutung und der Wirkung von
Musik auf die Spur zu kommen
Musik weckt Gefühle -
selbst wenn wir sie nur virtuell erleben
Angefangen
von der Sage des Orpheus über die Posaunen von Jericho bis zum Rattenfänger von
Hameln ist die Kulturgeschichte voll von Erzählungen über die ungeheure Macht der
göttlichen Muse. Ihr zu Diensten schnitzte schon vor 35 000 Jahren ein Homo
musicus Flöten aus Tierknochen. Die alten Ägypter malten in ihre
Grabkammern Bilder von Menschen mit Harfen, Trommeln und Trompeten. Und heute?
2002 gaben allein die Deutschen rund zwei Milliarden Euro für Musikprodukte aus
- etwa 223 700 000 Tonträger gingen dabei über den Ladentisch. Und Tausende von
Stunden investiert schon ein Hobby-Klavierspieler in das Üben - nur der Musik
zuliebe
So wirkt Musik
Welch
enormen Einfluss das Musizieren auf die Entwicklung unseres Nervensystems
ausübt, belegen Forschungen an der Neurologischen Universitätsklinik in
Heidelberg. Die Wissenschaftler haben herausgefunden, dass die graue Substanz
in bestimmten Bereichen der Heschlschen Querwindungen bei ausgebildeten
Musikern bis zu 130 Prozent größer ist als bei den nicht-musikalischen
Versuchspersonen - das entspricht einem Unterschied von einem Kubikzentimeter
Hirnmasse! Außerdem waren die Nervenzellen der Profis in diesem Bereich doppelt
so aktiv wie die der Nicht-Musiker.
Musik verbessert die Zusammenarbeit der Hirnhälften
Musizierende,
die bei ihrer ersten Unterrichtsstunde jünger als sieben Jahre waren, verfügen
darüber hinaus über einen besseren Informationsaustausch zwischen den
Hirn-Hemisphären: Der Balken, der rechte und linke Gehirnhälfte miteinander
verbindet, ist bei ihnen größer als bei Musikern, die ihr Instrument später
erlernten. Und oft wechseln bei Profimusikern die Verarbeitungs-Areale von der
rechten in die linke, sprachdominante Hemisphäre - was vermutlich einer
Veränderung zur größeren Analytik entspricht, wie sie auch für Sprache nötig
ist.
Übung macht den Meister
Was
Instrumentallehrer ihren Schützlingen predigen - üben, üben, üben -, verändert
offenbar rasant die Aktivitätsmuster der Großhirnrinde und begünstigt die
Verknüpfungen der Neuronen. Einen 3/4-Takt wiederzuerkennen, Quinten nicht mit
Quarten zu verwechseln sowie Rhythmen erfassen zu können - das sind
Fähigkeiten, die sich laut Altenmüller schon durch täglich eine halbe Stunde
Gehör-Training verbessern lassen. Automatisch wird von diesem Zeitpunkt an beim
bloßen Hören eines Tones auch die Region stimuliert, die für die Fingerbewegung
zuständig ist - und bei Bewegungen auf einer stummen Tastatur reagieren auch
die Hörzentren des Hirns.
Glücklich durch Musik
Auslöser für diese Veränderungen ist offenbar der ungeheure Motivationsschub,
den das Musizieren zu vermitteln vermag. Denn Musik aktiviert das limbische
Selbstbelohnungssystem im Zwischenhirn. Ähnlich wie Medikamente stimuliert
Musik dort die Hormonausschüttung und setzt körpereigene Drogen frei. Kein
Sport, keine andere Tätigkeit außer Sex lässt die Nerven derart in Endorphinen
baden - opiatähnliche Substanzen, die Glücksgefühle auslösen und Wohlbefinden
Fremd anmutende Kinderlieder
Wie groß der Einfluss
des Lernens in einer Kultur ist, zeigt sich selbst an den weltweit relativ
einheitlich strukturierten Kinderliedern. Eine amerikanische Studie hat
ergeben, dass nur rund 60 Prozent der Einwanderer aus fremden Kulturen ein
englisches Kinderlied als kindgerecht erkannten; Menschen aus dem eigenen
Kulturkreis ordneten eine derartige Melodie mit bis zu 80-prozentiger
Sicherheit korrekt zu, auch wenn ihnen das Lied unbekannt war. Für
fortgeschrittene musikalische Differenzierungen, die langes Lernen erfordern,
sind "Kulturfremde" nahezu taub und verständnislos -
"monoton" erscheinen uns selbst ausgefeilte musikalische Phrasen
einer anderen Region, Zeitepoche oder Subkultur.
Die Heilkraft der Musik
Schon der älteste
erhaltene medizinische Traktat, der orientalische Kahum-Papyrus, erzählt von
heilenden Gesängen; und laut der Bibel wurde nach David geschickt, auf dass er
die Anfälle von Schwermut des Königs Saul mit seiner Harfe lindere. Auf solche
uralten Kräfte der Musik berufen sich immer mehr professionelle westliche
Musiktherapeuten wie zum Beispiel Joanne Loewy vom Beth Israel Medical Center
in New York - mit zuweilen überraschenden Erfolgen. In einer dreijährigen
Studie an Kindern im Alter zwischen einem Monat und vier Jahren erwies sich,
dass musikalische Therapie den gleichen beruhigenden Effekt wie das übliche
Medikament Chloralhydrat erzielte - nebenwirkungsfrei. Musik synchronisiert die
Atmung, fördert den Saugrhythmus, lenkt ab von Schmerz und verbessert
nachweislich die Immunreaktion.
Stumme finden durch die Musik wieder zur Sprache
Von wahren Wundern
erzählt Michael Thaut, Direktor am Zentrum für biomedizinische Musikforschung
der Colorado State University. Gelähmte hätten durch Musik das Gehen und Stumme
das Sprechen wieder erlernt. Ein simpler Marsch aus dem Walkman könne als
"Schrittmacher" für Parkinson-Kranke und Apoplektiker dienen: Die
Heilungsrate für Schlaganfall-Patienten steige durch die Musiktherapie, die von
Thaut nach wissenschaftlichen Prinzipien konzipiert und verfolgt wird, von zehn
auf 25 Prozent. Und vielfach erlaube die Erinnerung an bekannte Lieder die
Wiederaufnahme des Sprechens.
Musik und Körper in
perfekter Harmonie
Die Vorstellung, es gebe eine allumfassende Harmonie des Körpers, der Seele und
des Kosmos geht zurück bis auf Pythagoras. Der hatte Musik und musikalische
Harmonik nicht in Klängen, sondern in abstrakten, mathematischen
Zahlenverhältnissen definiert: Eine Oktavbeziehung entsteht etwa durch das
Halbieren einer Saite oder durch eine entsprechende Kürzung eines Rohres - im
Verhältnis 2:1. Solche und ähnliche Verhältnisse durchdringen die Natur in
mannigfacher Weise. Auch wie Bäume wachsen - immerhin die Hauptlieferanten von
Material für Musikinstrumente - kann in ausgesprochen "harmonischen"
mathematischen Verhältnissen beschrieben werden (siehe GEOskop Nr. 4/2001). Harmonie in diesem Sinne steckt also
sogar in der "Natur der Dinge" - und womöglich selbst in unserem
Innersten, dem Gehirn.
Life-Konzert im OP:
Die Klänge der Harfe, das wusste schon der biblische David, wirken beruhigend
auf Leib und Seele
Sich bewegen und dazu
singen erschließt Demenzkranken den Zugang zu längst verschütteten Erinnerungen
(Quelle: Geo.de – Die
Texte sind ausschließlich für die Unterstützung des Musikunterrichts entnommen
worden)