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Special: Musik
Welchen Nutzen haben Menschen von der Musik? Macht sie klüger, hilft sie Kindern beim Spracherwerb? Forscher versuchen der Bedeutung und der Wirkung von Musik auf die Spur zu kommen

© Stephan Elleringmann

Musik weckt Gefühle - selbst wenn wir sie nur virtuell erleben

 

Angefangen von der Sage des Orpheus über die Posaunen von Jericho bis zum Rattenfänger von Hameln ist die Kulturgeschichte voll von Erzählungen über die ungeheure Macht der göttlichen Muse. Ihr zu Diensten schnitzte schon vor 35 000 Jahren ein Homo musicus Flöten aus Tierknochen. Die alten Ägypter malten in ihre Grabkammern Bilder von Menschen mit Harfen, Trommeln und Trompeten. Und heute? 2002 gaben allein die Deutschen rund zwei Milliarden Euro für Musikprodukte aus - etwa 223 700 000 Tonträger gingen dabei über den Ladentisch. Und Tausende von Stunden investiert schon ein Hobby-Klavierspieler in das Üben - nur der Musik zuliebe

 

So wirkt Musik
Welch enormen Einfluss das Musizieren auf die Entwicklung unseres Nervensystems ausübt, belegen Forschungen an der Neurologischen Universitätsklinik in Heidelberg. Die Wissenschaftler haben herausgefunden, dass die graue Substanz in bestimmten Bereichen der Heschlschen Querwindungen bei ausgebildeten Musikern bis zu 130 Prozent größer ist als bei den nicht-musikalischen Versuchspersonen - das entspricht einem Unterschied von einem Kubikzentimeter Hirnmasse! Außerdem waren die Nervenzellen der Profis in diesem Bereich doppelt so aktiv wie die der Nicht-Musiker.

 

Musik verbessert die Zusammenarbeit der Hirnhälften
Musizierende, die bei ihrer ersten Unterrichtsstunde jünger als sieben Jahre waren, verfügen darüber hinaus über einen besseren Informationsaustausch zwischen den Hirn-Hemisphären: Der Balken, der rechte und linke Gehirnhälfte miteinander verbindet, ist bei ihnen größer als bei Musikern, die ihr Instrument später erlernten. Und oft wechseln bei Profimusikern die Verarbeitungs-Areale von der rechten in die linke, sprachdominante Hemisphäre - was vermutlich einer Veränderung zur größeren Analytik entspricht, wie sie auch für Sprache nötig ist.

 

Übung macht den Meister
Was Instrumentallehrer ihren Schützlingen predigen - üben, üben, üben -, verändert offenbar rasant die Aktivitätsmuster der Großhirnrinde und begünstigt die Verknüpfungen der Neuronen. Einen 3/4-Takt wiederzuerkennen, Quinten nicht mit Quarten zu verwechseln sowie Rhythmen erfassen zu können - das sind Fähigkeiten, die sich laut Altenmüller schon durch täglich eine halbe Stunde Gehör-Training verbessern lassen. Automatisch wird von diesem Zeitpunkt an beim bloßen Hören eines Tones auch die Region stimuliert, die für die Fingerbewegung zuständig ist - und bei Bewegungen auf einer stummen Tastatur reagieren auch die Hörzentren des Hirns.

 

Glücklich durch Musik
Auslöser für diese Veränderungen ist offenbar der ungeheure Motivationsschub, den das Musizieren zu vermitteln vermag. Denn Musik aktiviert das limbische Selbstbelohnungssystem im Zwischenhirn. Ähnlich wie Medikamente stimuliert Musik dort die Hormonausschüttung und setzt körpereigene Drogen frei. Kein Sport, keine andere Tätigkeit außer Sex lässt die Nerven derart in Endorphinen baden - opiatähnliche Substanzen, die Glücksgefühle auslösen und Wohlbefinden

 

Fremd anmutende Kinderlieder
Wie groß der Einfluss des Lernens in einer Kultur ist, zeigt sich selbst an den weltweit relativ einheitlich strukturierten Kinderliedern. Eine amerikanische Studie hat ergeben, dass nur rund 60 Prozent der Einwanderer aus fremden Kulturen ein englisches Kinderlied als kindgerecht erkannten; Menschen aus dem eigenen Kulturkreis ordneten eine derartige Melodie mit bis zu 80-prozentiger Sicherheit korrekt zu, auch wenn ihnen das Lied unbekannt war. Für fortgeschrittene musikalische Differenzierungen, die langes Lernen erfordern, sind "Kulturfremde" nahezu taub und verständnislos - "monoton" erscheinen uns selbst ausgefeilte musikalische Phrasen einer anderen Region, Zeitepoche oder Subkultur.

 

Die Heilkraft der Musik
Schon der älteste erhaltene medizinische Traktat, der orientalische Kahum-Papyrus, erzählt von heilenden Gesängen; und laut der Bibel wurde nach David geschickt, auf dass er die Anfälle von Schwermut des Königs Saul mit seiner Harfe lindere. Auf solche uralten Kräfte der Musik berufen sich immer mehr professionelle westliche Musiktherapeuten wie zum Beispiel Joanne Loewy vom Beth Israel Medical Center in New York - mit zuweilen überraschenden Erfolgen. In einer dreijährigen Studie an Kindern im Alter zwischen einem Monat und vier Jahren erwies sich, dass musikalische Therapie den gleichen beruhigenden Effekt wie das übliche Medikament Chloralhydrat erzielte - nebenwirkungsfrei. Musik synchronisiert die Atmung, fördert den Saugrhythmus, lenkt ab von Schmerz und verbessert nachweislich die Immunreaktion.

 

Stumme finden durch die Musik wieder zur Sprache
Von wahren Wundern erzählt Michael Thaut, Direktor am Zentrum für biomedizinische Musikforschung der Colorado State University. Gelähmte hätten durch Musik das Gehen und Stumme das Sprechen wieder erlernt. Ein simpler Marsch aus dem Walkman könne als "Schrittmacher" für Parkinson-Kranke und Apoplektiker dienen: Die Heilungsrate für Schlaganfall-Patienten steige durch die Musiktherapie, die von Thaut nach wissenschaftlichen Prinzipien konzipiert und verfolgt wird, von zehn auf 25 Prozent. Und vielfach erlaube die Erinnerung an bekannte Lieder die Wiederaufnahme des Sprechens.

 

Musik und Körper in perfekter Harmonie
Die Vorstellung, es gebe eine allumfassende Harmonie des Körpers, der Seele und des Kosmos geht zurück bis auf Pythagoras. Der hatte Musik und musikalische Harmonik nicht in Klängen, sondern in abstrakten, mathematischen Zahlenverhältnissen definiert: Eine Oktavbeziehung entsteht etwa durch das Halbieren einer Saite oder durch eine entsprechende Kürzung eines Rohres - im Verhältnis 2:1. Solche und ähnliche Verhältnisse durchdringen die Natur in mannigfacher Weise. Auch wie Bäume wachsen - immerhin die Hauptlieferanten von Material für Musikinstrumente - kann in ausgesprochen "harmonischen" mathematischen Verhältnissen beschrieben werden (siehe
GEOskop Nr. 4/2001). Harmonie in diesem Sinne steckt also sogar in der "Natur der Dinge" - und womöglich selbst in unserem Innersten, dem Gehirn.

 

© Stephan Elleringmann

Life-Konzert im OP: Die Klänge der Harfe, das wusste schon der biblische David, wirken beruhigend auf Leib und Seele

© Stephan Elleringmann

Sich bewegen und dazu singen erschließt Demenzkranken den Zugang zu längst verschütteten Erinnerungen

 

(Quelle: Geo.de – Die Texte sind ausschließlich für die Unterstützung des Musikunterrichts entnommen worden)

 

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