Weil der ganz normale Alltagslärm uns immer mehr stresst, wächst unsere Sehnsucht nach wirklicher Ruhe.

 

TEXT UND INTERVIEW FRAUKE DÖHRING

 

Schon als Kind war ich fasziniert von Stille. War mir danach zumute, lief ich auf die verwilderte Wiese mit den Apfelbäumen hinter unserem Haus. Da gab es, im Gehölz verborgen, diese schattige Höhle. Oder es gab den Strand unweit entfernt, eine schmale Bucht der Ostsee. Vor und nach der Badesaison hatte man sie oft für sich allein. Stille war einfach da, wie Luft zum Atmen. Und das Beste war Ich konnte wählen allein ans Wasser - oder mit Freunden toben, spielen, lachen, ausgelassen sein. Ein paar Jahre später, als Teenager, tanzte ich in den Sommernächten zu Musik, die bis zum Anschlag aufgedreht war. Dann, auf dem Weg nach Haus, gingen wir manchmal noch an den Strand. Saßen da, müde, glücklich, schauten in die aufgehende Sonne. Disco aus, Stille an.

Solange wir wählen können, was wir brauchen, ist alles gut. Aber können wir noch wählen heute, in der Stadt, in diesem nie ganz verschwindenden Geräuschknäuel aus laut und leise? Knatternde Vespas, dröhnende Laster, gurrende Tauben. Rushhour früh und spät, aufheulendes Stop and go vor jeder Ampel. Die lauschigen Abende auf dem Balkon, die ich früher liebte, sind von Jahr zu Jahr lauter geworden, bei offenem Fenster kann man kaum noch schlafen ohne Ohrenstöpsel. Doch die knubbelweichen Dinger haben einen Nachteil: Sie filtern jedes Geräusch weg. Und so lauschen wir, vom Außen abgeschirmt, durch Schaumgummi hindurch in unseren Körper hinein, hören wie von fern das Herz schlagen, den Magen grummeln. Befremdlich.

Wirkliche Stille dagegen ist anders. Akustikforscher sagen, dass sie unterhalb von 40 Dezibel beginnt - und nicht, wie man meinen könnte, bei null Dezibel. Eine solche absolute Stille würden wir nämlich gar nicht aushalten, kämen uns isoliert vor, wie abgeschnitten vom Leben. Nein, angenehme Stille besteht aus leisen, wohltuenden und dabei stetigen Geräuschen. Wie damals, in der Bucht meiner Kindheit. Dahinplätschernde Wellen. Baumwipfel im Wind, ein vorbeisurrendes Insekt.

Wir Stadtmenschen können davon nur träumen. Experten schätzen, dass heute jeder fünfte Einwohner in Europa Lärmpegeln ausgesetzt ist, die Mediziner als gesundheitsgefährdend ansehen. Bagger, Walzen, Presslufthämmer, auf ungezählten Baustellen dröhnt und rattert es. Dazu kommen Lärmquellen, die es früher gar nicht gab. Musikbeschallung beim Einkaufen, Handyterror überall. Gerade belegt man seinen Fensterplatz im ICE, freut sich auf vorbeifliegende Landschaften - da platziert sich Herr Wichtig mit Handy am Ohr direkt hinter uns, und wir nehmen teil an seinem letzten Meeting, dessen Verlauf er in lautstarkem Schwäbisch seiner Assistentin mitteilt. Radiowerbung wird gebrüllt statt gesprochen, Alarmanlagen schrillen grundlos, Flugzeuge starten im Minutentakt. Das Schlimmste aber sind die Endlos-Kolonnen von Pkw und Lkw, der ganz normale Straßenverkehr.

Manchmal wünschten wir, wir hätten Ohrenlider, könnten sie wie unsere Augen einfach schließen. Denn Lärm macht auf Dauer krank, mehrere Studien der vergangenen Jahre belegen das. Was unseren frühen Vorfahren nützte - auch nachts warnte ihr Ohr sie vor Gefahren -, hat für uns üble Folgen: Noch im Schlaf nimmt unser Körper jedes Geräusch wahr und reagiert darauf, mit Unruhe, Stressgefühlen, Herzrasen. Chronischer Lärm, etwa an einer mehrspurigen Straße, gilt inzwischen als Mitauslöser für viele Krankheiten: Schilddrüsen- und Stoffwechselstörungen, Hörschäden und Tinitus geschwächte Immunabwehr und Asthma, sogar Herzinfarkt und Krebs. Frauen reagieren nachweislich sensibler auf Lärm als Männer, ältere Menschen empfindlicher als junge.

Und Bauarbeiter? Sie müssen ab 85 Dezibel Kopfhörer tragen, ihr Presslufthammer wummert bei 100. Doch auch viele Lehrer könnten einen Gehörschutz brauchen: In Klassenzimmern tobt ein Lärmpegel um 85 Dezibel, im Sportunterricht wurden bis 112 Dezibel gemessen. Der Mensch erinnere sich über den Geruchssinn, schrieb Marcel Proust. Ich bin mir sicher: Er erinnert sich ebenso über das Gehör. Vermutlich wird jeder Lärmmoment in unseren Zellen gespeichert - mit welchen Folgen, weiß keiner.

Aber geht es nur um körperliche Gesundheit, wenn wir uns nach Stille sehnen? Geht es nicht um mehr, um so etwas wie - seelische Balance? Schließlich muss es Gründe dafür geben, dass die Weisen zu allen Zeiten, in allen Religionen die Stille aufsuchten Über ihr Motiv schreibt der Philosoph Wilhelm Schmid: „Die Weite, die sich in der Stille auftut, relativiert alle Zeit, auch die Zeit der eigenen Endlichkeit. Der innere Blick öffnet sich über den Tag und das eigene Leben hinaus." Äußere Stille, so also die Erwartung, werde zu innerer Stille führen. Zu Kontemplation, einer intensiveren Form der Wahrnehmung, Besinnung und Erkenntnis.

Innere Weite. Die Gedanken kommen und gehen lassen, ungestört, im Fluss. Und vielleicht, mit etwas Übung, irgendwann der Moment, in dem wir aufhören zu denken und selbstvergessen einfach nur sind. Habitare secum - bei sich wohnen, sagen Mönche zu diesem meditativen Zustand.

Heute mag vielen dieses spirituell geprägte Suchen nach Stille fremd geworden sein. Vielleicht ja auch, weil die Möglichkeit dazu fehlt? Ein Verlust, wie der Filmemacher Philip Gröning bestätigt. Für den Dokumentarfilm „Die große Stille" lebte er fast sechs Monate mit den Karthäusermönchen im Kloster La Grande Chartreuse in den französischen Alpen und hielt sich auch an ihr Schweigegebot, das nur einmal wöchentlich auf einem Spaziergang gebrochen wird. Man kann den Film im Kino sehen, und das wird am Anfang leicht zur Geduldsprobe - so ungewohnt ist es, aus der normalen Welt herauszufallen in diese 160 Minuten Schweigen. Aber dann erliegt man immer mehr dem meditativen Sog der Bilder, spitzt die Ohren für die Stille, bekommt eine Ahnung von der Kraft, die darin liegt.

Doch diese Art Stille findet sich wohl fast nur noch im Kloster. Oder an den Rändern der Welt: in der Wüste, am Ufer eines tiefen Fjords, im Winter auf einer verschneiten Waldlichtung. Ist Stille der größte Luxus unserer Zeit? Fast scheint es so.

Dabei könnte es noch schlimmer kommen, wie in jener Erzählung von Heinrich Böll mit dem Titel „Luft in Büchsen oder über den Haushalt der Erde": Darin gibt es Stille nur noch in Gefäßen, die man im Supermarkt kauft und sich ans Ohr hält. Erstaunlich: Die Erzählung stammt aus den sechziger Jahren, die von heute aus betrachtet himmlisch ruhig

erscheinen. Und doch beklagte auch Böll den Verlust an Stille. Wie schon im 18. Jahrhundert Immanuel Kant, den der krähende Hahn vorm Philosophenhäuschen nervte. Am Ende, so die Anekdote, kaufte er den Störenfried, brutzelte ihn und aß ihn auf. Bagger, Autos, Handys kann man nicht aufessen. Wer heute Stille will, muss dafür bezahlen, so oder so, mit Geld - sieben Tage Retreat für 2000 Euro - oder mit Verzicht. Aber wer tut das schon: Handy, TV, Radio ausschalten oder sogar abschaffen? Wer nimmt sich die Zeit, in einen „Raum der Stille" zu gehen, am Brandenburger Tor in Berlin oder am Hamburger Hauptbahnhof? Auch hier ist es natürlich nie ganz still, am Bahnhof etwa hört man das Rollen der Züge. Das Wunderbare aber ist, dass niemand etwas sagt. Stille meint auch hier: Schweigen. Kein Geplapper, kein Handy, keine Musik. Nur ein Haiku an der Wand: „Nichts als die Stille. Tief in den Felsen sich gräbt Schrei der Zikaden."

Und in unserem Alltag, wo finden wir da noch Stille? Wahrscheinlich ist es mit ihr wie mit dem Glück: Man begegnet ihr in Momenten und eher unverhofft. Im vergangenen Winter etwa schneite es oft nächtelang, und wer früh genug aufstand, sah einen Teppich aus schneeweißer Stille, unberührt, selbst das vertraute Rauschen der Stadt wurde davon verschluckt.

Am stillsten aber war es einmal auf dieser winzigen griechischen Insel, zufällig entdeckt auf einem Segeltörn. In dem Dorf hoch oben auf dem Hügel war zur Mittagszeit niemand auf der Straße, nicht einmal eine Katze, die blendend weißen Häuser lagen träge, wie verlassen. Durch eine Maueröffnung fiel der Blick ins Blau, am Horizont flossen Meer und Himmel als lichte Linie ineinander. Fast ahnte man dort die Rundung der Erdkugel. Später standen wir lange in der Kühle einer Kapelle, der Baldachin über uns leuchtete aquamarin. Vielleicht lernt man in der Stille nicht nur intensiver hören, sondern auch tiefer sehen? Meerblick außen. Meerblick innen.

Den ganzen Fußweg, den Berg hinab zum kleinen Hafen zurück, haben wir noch geschwiegen. Es war eine stumme Übereinkunft, ihn nicht zu brechen, den Zauber der Stille.